Sonntag, 30. Dezember 2018

Bands, die mir peinlich sind.

Ich kann mich an eine Autofahrt kurz vor dem Millenium erinnern, nach München - vier Elektronikmusiker in einen Golf gequetscht, weil wir am Abend in der damals angesagten Diskothek “Ultraschall” spielten. An einen hysterischen Lachanfall von uns kann ich mich auch erinnern, weil wir an einer Hauswand ein Plakat sahen mit der Ankündigung, daß Toto irgendwo live auftreten würden. Toto: Diese Band war für uns damals die Essenz und gleichzeitig Speerspitze von uncool, es erschien uns vollkommen bizarr, das sich jemand ein Konzert DIESER Band antun würde. Wie würde das sein? “Africa” und “Rosanna”, dargeboten von ältlichen Herren mit sichtlich ausgedünnten Vokuhilas und Wohlstandbäuchlein, über ihre Synthi- und Schlagzeugburgen gebeugt? Würde das ebenso leicht ältlliche Publikum vielleicht seine Feuerzeuge entzünden und ergriffen mitsingen?


Es kam anders: Das “Ultraschall” ist irgendwann abgebrannt, wir damaligen Elektronikmusiker sind jetzt die ältlichen Herren, die von den seligen Zeiten träumen, als es noch richtige “Labels” gab mit “Plattenverträgen” und einer Agentur, die uns auf diversen, angesagten Festivals als Liveact vermittelte (incl. Reisekosten, bester Verpflegung und Gage). Ja und Toto! Die treten nächstes Jahr nicht nur als Headliner auf richtig grossen und mega-angesagten Festivals auf, deren komplett totgenudelter Hit “Africa” wurde von Weezer gecovert, tauchte in einer Szene des Blockbusters “Aquaman” auf, und das schockierendste: Discjockeys berichten mir von frenetischen Dancefloorexplosionen, wenn dieser Song aufgelegt wird. Da tanzen aber dann keine ältlichen Fans, sondern blutjunge Teens, die vermutlich nicht die geringste Ahnung haben, wer oder was Toto überhaupt ist.

Und deswegen habe ich mir gedacht, warum nicht zum Jahreswechsel auf meinem Blog ein bisschen über Bands und deren Platten philosophieren, die mir als Jugendlicher so viel bedeutet haben, über die man später aber lieber kein Wort mehr verloren hat? Augen (oder Ohren) zu und durch:


Manfred Mann’s Earth Band: Angel Station (1979, Warner Bros)

Der in Johannesburg geborene Manfred Mann (eigentlich Manfred Sepse Lubowitz) ist ein Phänomen: 1966 hatte er einen Riesenhit mit “Ha! Ha! said the Clown” und ähnlichen Liedchen im Stil der Monkees, bevor er sich mit seiner “Earth Band “ neu erfand und ein paar wirklich bemerkenswerte Alben einspielte, die heute als Meilensteine der Prog Rock-Geschichte gelten. Mitte bis Ende der 1970er-Jahre öffnete er sich dem Mainstream und hatte ein paar großartige Charthits (“Blinded by the Light”, “Mighty Quinn”, “Don’t kill it Carol”) bevor er in den 1980ies wohl irgendwie seinen Geschmack verloren zu haben scheint, und in schöner Regelmäßigkeit vollkommen bedeutungslose Alben aufnahm (erinnert sich noch irgendwer an “Masque” oder “Soft Vengeance”?) Auch live gönnte sich der inzwischen 78-jährige nie eine Pause, inzwischen tritt er bei Oldie-Festivals auf - und spielt auch wieder “Ha! Ha! Said the Clown”.

“Angel Station” ist weder sein bestes, noch sein berühmtestes Album, aber eben dasjenige, welches mich noch relativ unerfahrenen Musikhörer damals komplett mitgerissen hat. Sowohl das an M.C. Escher gemahnende Cover als auch die Musik umweht ein leicht mysteriöser Hauch, den ich unwiderstehlich fand. Abgesehen von der Hitsingle “Don’t kill it Carol” und der wahrlich furchtbaren Coverversion von Bob Dylan’s “You Angel You” findet man eine ständig präsente, geniale Seltsamkeit in Songs wie dem enigmatischen “Angels at my Gate” oder dem noch undurchsichtigeren “Resurrection”. Das wichtigste Element dabei ist für mich die Stimme des “Earth Band”-Sängers Chris Thompson - die all diese verschlüsselten Informationen, die der zurückhaltende Manfred Mann damals wohl in die Popwelt kommunizieren wollte, perfekt darbietet.


Supertramp: Paris (1980, A&M)

Den unglaublichen Erfolg dieser britischen Band kann man sich heute kaum mehr vorstellen - fünf langhaarige Herren, mindestens gleich unattraktiv wie die frühen Genesis, mit unzähligen Studioalben, die man heute vielleicht mit dem ebenso unattraktiven Attribut “Art Rock” umschreiben könnte. In den 1980er-Jahren waren sie die Könige: “Breakfast in America” ein unglaublicher Hit, gefolgt von Touren in stets ausverkauften Riesenstadien. Diese Stimmung ist perfekt eingefangen auf dem Doppel-Live-Album(!) “Paris”, mit unsterblichen Hits wie “Take the Long Way Home” (besser als die Studioversion) und einem exaltierten Publikum, welches lauthals auf jede kleine Regung der perfekt eingespielten Band reagiert.

Supertramp haben allerdings danach auch fleissig daran gearbeitet, ihren Ruhm selbst zu schmälern - nach einem Streit der beiden Hauptsongwriter Rick Davies und Rodger Hodgson (der bis heute nicht beigelegt ist) trennten sich die Wege der Band. Davies führte Supertramp weiter (mit ein paar furchtbar uninspirierten Releases) während Hodgson sein dünnes Stimmchen mit Keyboardbegleitung auf unzähligen Touren endgültig ruinierte. Gegner von Reunions dürfen aufatmen, eine Wiedervereinigung der beiden Streithähne und damit der Originalbesetzung wird es nicht mehr geben - Davies ist unheilbar an Knochenmarkkrebs erkrankt und Rodger Hodgson hat bereits 2009 in einem Interview gestanden: “The reaction I am getting from fans is 'please don’t reunite’” ¹


Jethro Tull: A (1980, Crysalis)

Meine Lieblingsanekdote zu Jethro Tull ist diese: Als Jugendlicher hörte ich einen Song von denen im Radio, hatte aber den Bandnamen nicht richtig verstanden. Deswegen suchte ich (sehr) lange nach einer Band namens “Jazz Total” und wurde im Prä-Internet-Zeitalter natürlich nicht fündig. Als ich dann endlich den Zusammenhang zwischen Jazz Total und Jethro Tull kapierte, kaufte ich mir auch gleich ein Album namens “A” (auf Originalcassette) - wohl auch beeinflusst von dem superb-spacigen Cover. Wenn ich heute so zurückblicke auf die Band und ihr mehr als umfangreiches Schaffen, muß ich ehrlich gestehen: nicht Toto, sondern Jethro Tull sind tatsächlich die Band, die heute wirklich gar nicht mehr geht. Sei es die aufgesetzte, lächerliche Mittelalterromantik, der schmierige Gesang von Ian Anderson, oder seine Obsession, bei wirklich jedem Song in seine schreckliche Querflöte zu blasen (die Geste dazu wird ja seit vielen Jahren immer wieder gerne mal parodiert) - ich höre immer wieder mal in eine der alten Scheiben rein, um irgendeinen Song zu finden, der einigermassen erträglich ist, aber ausser dem (gefühlt eine Million mal gehörten) “Locomotive Breath” ist einfach alles unerträglich. Auf seiner Webseite jethrotull.com hat Anderson übrigends vor kurzem gepostet: "IA in the studio working on a new album for release March 2019. Shhhh; keep it a secret..." Der Mann kennt wirklich keine Gnade!


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¹ https://en.wikipedia.org/wiki/Supertramp

Donnerstag, 27. Dezember 2018

Die Farben des Lärms.

Der eine oder andere geneigte Leser dieses Blogs dürfte vielleicht schon einmal auf den Begriff ASMR gestoßen sein. ASMR (Autonomous Sensory Meridian Response) ist eine relativ neue Definition und meint in etwa “Sinnesmassage” oder “Hirnorgasmus”. ASMR wird als Akronym im deutschen Sprachraum verwendet, es gibt keine offizielle entsprechende deutsche Übersetzung für den Begriff. ¹


Man kann es aber recht gut beschreiben: Bei manchen Menschen entsteht beim Hören von bestimmten Geräuschen und anderen auditiven Reizen ein Kribbeln auf der Haut, das sich vom Kopf her der Wirbelsäule entlang bis hin zum Gesäß ausbreitet. Beschrieben wird dieses Empfinden oft wie ein angenehmer Gänsehaut-Schauer, der jedoch länger andauert und intensiver wirkt. Die auslösenden Trigger dafür sind zum Beispiel Flüstern, leises Sprechen oder Singen oder das Geräusch, wenn man mit langen Fingernägeln einen Gegenstand berührt. Diese Art der ASMR-Videos hat es auf Youtube immerhin schon auf mehrere Millionen Videos und Millionen von begeisterten Abonnenten gebracht.

 (Hinweis: Unbedingt mit Kopfhörer anhören!)

ASMR scheint für viele stark verbunden mit dieser Art der Youtube-Videos zu sein – dabei gibt es das Phänomen schon viel länger, als es Youtube überhaupt gibt. Ich persönlich bin Anhänger einer ASMR-Variante, die ausschließlich mit “weißem Rauschen” zu tun hat: Meine Hirnmassage beginnt dann, wenn ich irgendwo ein Gebläse erwische, einen Ventilator, einen Heizlüfter. Wenn es dazu noch regnet und blitzt und donnert, befindet sich euer Bloghost quasi im Himmel. Dass man Glücksgefühle empfindet, wenn man einen warmen Luftstrom verspürt, könnte seinen Ursprung wohl in frühkindlichen Erlebnissen von Geborgenheit haben. Viele Menschen lieben zum Beispiel auch das Geräusch und das warme Gebläse eines Föns – ein berühmtes Beispiel ist der deutsche Musiker Herbert Grönemeyer, der gerne zugibt, die besten Songideen am Klavier zu haben, wenn er einen Fön zur Hand hat. ²


Analoge Ventilatoren und Föns sind natürlich the real thing – die Dauernutzung dieser Geräte ist aber selbstverständlich auch eine Kostenfrage. Günstiger ist es da schon, wieder auf Videos auszuweichen. Auf Youtube gibt es White Noise in allen Kombinationen für wirklich jedes Bedürfnis: Regen, Regen mit Donner, Regen mit Donner und Heizlüfter, alle Arten von Ventilatoren, Geräusche von Serverräumen, Geräusche von Zügen, Flugzeugen, ja sogar alle Arten von Landmaschinengeräuschen – die Möglichkeiten sind unendlich. Hier kann man sich je nach Intuition aussuchen, was einem Wohlgefühle bereitet. Man kann aber auch vorher schon ein bisschen Analyse betreiben – indem man sich mit dem “Grundstoff”, also dem Rauschen – ein wenig näher auseinandersetzt.

Photo von researchgate.net.
Die ganzen physikalischen Definitionen lassen wir dabei weg – es gibt eine Analogie, welche die ganzen Spektren des Noise recht gut veranschaulicht, nämlich die des Lichts: So, wie weißes Licht sämtliche Farben enthält, enthält weißes Rauschen sämtliche Frequenzspektren – auch die hohen Frequenzen. Man kennt dieses Geräusch von früher, wenn im Fernsehen KEIN Programm lief und das bekannte “Schneegestöber” am Bildschirm von einem lauten Rauschen begleitet wurde. Filtert man gewisse Frequenzen aus dem weißen Rauschen heraus, erhält man verschiedene Frequenzspektren, die je nach persönlicher Disposition als stressig oder angenehm empfunden werden – und diese werden mit verschiedenen Farben bezeichnet.

Rosa Rauschen: Pink Noise ist seit einigen Jahren das beliebteste Frequenzspektrum: Zum weißen Rauschen gesellt sich hier ein relativ prägnanter Basssound, der die hohen, “zischelnden” Spitzen abmildert. Regen ist ein perfektes Beispiel für rosa Rauschen; wegen seines beruhigenden, unaufdringlichen Klangs wird Pink Noise deswegen auch gerne zur Beruhigung schreiender Babys, aber auch für Menschen mit Einschlafproblemen und andererseits für Studierende zur Förderung der Konzentration empfohlen. ³

Braunes Rauschen: Brown Noise hat noch weniger Höhenanteile, wobei hier die tiefen und mittleren Frequenzen ungefähr gleich intensiv sind. In der Fachliteratur ist “Brown” übrigens keine Farbzuordnung, sondern kommt von “Brownian Motion”, benannt nach einer spezifischen Art in der sich Partikel in einer Flüssigkeit bewegen. Braunes Rauschen erinnert am ehesten an starken Wind oder an das Geräusch, wenn große Wellen eines Ozeans heranbranden.

Blaues Rauschen: Blue Noise sei hier nur der Vollständigkeit halber genannt; hier sind nämlich ausschließlich hohe Frequenzanteile enthalten. Man verwendet dieses Spektrum zum Beispiel in Aufnahmestudios, um etwaige Übersteuerungsspitzen eines aufgenommenen Songs im Nachhinein abzurunden.

Grünes Rauschen: Durch die hauptsächlich mittleren Frequenzanteile wird Green Noise gerne zur Simulation von Umgebungsgeräuschen in der Natur verwendet.

Graues Rauschen: Das ist das Spektrum, mit dem sich euer Bloghost am wohlsten fühlt; hier kommen hauptsächlich tiefe Frequenzen zum Einsatz. Das ist der Sound riesiger Ventilatoren, wie sie in der Industrie verwendet werden. Musikalisch ist Grey Noise essentiell für die Komposition sogenannter Drones.


Ein rein theoretisches Konzept ist übrigens “Black Noise”: Die Abwesenheit sämtlicher Signale würde totale Stille bedeuten – etwas, das auf der Erde nirgends möglich ist (ich habe im ersten Artikel der ASMR-Serie darüber geschrieben).

Mit dieser groben Einteilung sollte es für den neugierigen Hörer also möglich sein, den perfekten Lärm für sich zu finden. Was man damit anstellt (den Tinnitus maskieren, leichter einschlafen, sich besser konzentrieren können etc.) bleibt jedem selbst überlassen. Für die im vorigen Artikel beschriebene Pareidolie, die recht spannende Audiophänomene wie Stimmen und “geisterhafte” Musik auslösen kann, empfehle ich eine Kombination aus verschiedenen Sounds und zur Empfindungssteigerung den Genuss diverser rauschhafter Substanzen.


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¹ https://de.wikipedia.org/wiki/Autonomous_Sensory_Meridian_Response

² Antenne Düsseldorf: Fünf für Herbert Grönemeyer

³ http://time.com/4694555/pink-noise-deep-sleep-improve-memory/

Mittwoch, 19. Dezember 2018

Musik aus dem Ventilator.


In irgendeiner Zeitung hab ich kürzlich gelesen, dass durch die konstante Erwärmung auch die Lärmbelästigung durch Klimaanlagen und Ventilatoren zunimmt – es summt, brummt, klirrt und weht überall. Laut diesem Artikel wären die Menschen durch diese Lärmbelästigung zusätzlichem Stress ausgesetzt und würden sich nichts sehnlicher als Stille wünschen. Das Problem: Stille ist ein rein theoretisches Konzept, im echten Leben kommt sie nicht vor. Das kann man in sogenannten “schalltoten” Kammern (richtiger: “reflexionsarmen Räumen”) feststellen, wie es sie zum Beispiel an der Uni Wien und vielen weiteren Universitäten gibt.

John Cage im "Anechoic Chamber", Harvard (1951)
Ein solcher Raum namens “Anechoic Chamber” an der Harvard-Universität wurde 1951 vom berühmten Komponisten John Cage besucht. Was er in diesem wohl stillsten Raum der Welt hörte, ließ er sich hinterher erklären: einerseits das Rauschen seines eigenen Blutes und andererseits das hohe Sirren seines Nervensystems. ¹ Selbst in einem schalltoten Raum kann man also nicht von absoluter Stille sprechen. Diese Erfahrung prägte nicht nur seine musikalische Philosophie (und führte letztendlich zu der legendären Komposition 4’33) – bis in die letzten Jahre seines Lebens ließ sie Cage den Straßenlärm unterhalb seines New Yorker Apartments nicht nur stoisch ertragen, sondern zu einer ständigen Inspirationsquelle werden: “Wherever we are, what we hear is mostly noise. When we ignore it, it disturbs us. When we listen to it, we find it fascinating”. ²


4’33 weist da ganz exemplarisch den Weg. Dieses heute noch sehr kontrovers rezipierte Werk Cages besteht ja bekanntlich darin, dass ein Konzertpianist während der Aufführung den offenen Klavierdeckel zuklappt, eine Stoppuhr startet, und dann exakt vier Minuten und 33 Sekunden NICHTS tut. Was Cage damit bezweckte: Wenn wir innerhalb einer gewissen Zeitspanne gezwungen sind, auf unsere Umgebungsgeräusche zu hören, können wir mit diesem Material unsere eigene “Musik” komponieren – die besteht in dem Fall der vorliegenden Konzertsituation aus dem Wispern, Rascheln, Murmeln und Sesselrücken eines höchst irritierten Publikums. Das ist übrigens auch eine wunderbare Übung, die in manchen Einführungen zum Thema “Komposition” empfohlen wird: Man nehme eine gewisse Situation am Tag (zum Beispiel während eines Spaziergangs, auf dem Weg zur Arbeit) und höre in dieser Zeitspanne genau auf die Umgebungsgeräusche – ein bisschen Fantasie vorausgesetzt, lassen sich diese Geräusche im Kopf zu einer richtigen Symphonie zusammensetzen.

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Damit zurück zu den rauschenden Ventilatoren: Wenn man den Ärger über die Lärmbelästigung aufgibt und versucht, dem Klang dieser Maschinen einmal ganz vorurteilsfrei zu lauschen, wird man erstaunt sein, was man da alles so hört: viele Arten von unerwarteten Geräuschen, seltsame Musik, menschliche Stimmen und mehr. Das kann zwischendurch auch ganz schön irritierend werden.

 

Der Grund dafür liegt in der sogenannten Clustering-Illusion, die laut Definition “die menschliche Eigenschaft beschreibt, zufälligen Mustern, die in ausreichend großen Datenmengen zwangsläufig vorkommen, Bedeutungen zuzuschreiben.” ³ Eine Variante davon ist die sogenannte Pareidolie – die zweifelhafte Fähigkeit unseres hyperaktiven Gehirns, in solchen für uns ungeordneten Umgebungen sofort eine gewisse Art von Sinn zu erkennen. Hat nicht jeder schon einmal in den Unregelmäßigkeiten einer Mauer ein Gesicht gesehen? Das Erkennen von Gesichtern in zufälligen Strukturen ist ein perfektes Beispiel für die Pareidolie und kann wie im Falle des “Marsgesichts” sogar als Schlagzeile um die Welt gehen. Die Pareidolie ist außerdem als Erklärung für so gut wie alle “Geisterfotos” zu gebrauchen, die im Internet kursieren und nicht sowieso absichtlich gefaked sind.


Das Ganze funktioniert natürlich auch auf der Ebene des Hörens: Auch hier versucht unser Hirn, aus den ungeordneten Mustern eines Geräuschs etwas uns Bekanntes herauszufiltern – das reicht dann von den vorhin beschriebenen leichten Audiohalluzinationen über die von übernatürlichen Kräften empfangene “Himmelsmusik” bis hin zu den “Toten”, die aus dem Jenseits zu uns via Radio sprechen oder zu den sogenannten “Reversals”, die man beim Rückwärts-Abspielen populärer Songs entdeckt haben will. Die von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern zugeschriebenen Bedeutungen dieser Phänomene lassen sich übrigens ganz leicht entzaubern: Wenn man nicht vorher schon mitgeteilt bekommt, was man hören wird (eine zwingende Praxis in solchen Kreisen) und das Hirn dann diese Interpretation brav bestätigt, wird man nur das hören, was diese angebliche Phänomene wirklich sind – eine rein zufällige Anordnung von Geräuschen.


Es gibt übrigens bei der beschriebenen Pareidolie auch eine enge Verwandtschaft zur sogenannten Apophänie – einem Symptom der Schizophrenie, bei dem die Wahrnehmungen in zufälligen Mustern beginnen, eine persönliche Bedeutungsebene anzunehmen. Wenn das der Fall ist, wird es jedenfalls höchste Zeit, etwas für die geistige Gesundheit zu unternehmen. Wir kennen alle den einen oder anderen tragischen Fall, in dem einem psychisch kranken Menschen “persönliche Botschaften” über das Radio, TV oder andere Medien übermittelt werden; in fast allen Fällen ist das ein relativ sicheres Zeichen für eine Psychose.


Das soll uns jedoch nicht davon abhalten, schöne Musik aus Ventilatoren zu hören. Zumindest den Stresslevel bezüglich Umgebungslärm kann man so wunderbar abbauen oder verringern. In der Tat gibt es da schon eine richtige Industrie, die sich die Phänomene ASMR und White Noise einverleibt hat – aber das ist Thema des nächsten Teils, den ihr in Kürze auf meinem Blog lesen könnt.

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¹ John Cage and the anechoic chamber.

² John Cage, Silence: Lectures and Writings, Wesleyan 50th Anniversary Edition, 2013

³ https://de.wikipedia.org/wiki/Clustering-Illusion

Dienstag, 4. Dezember 2018

Das grüne Auge.

Das Medium “Radio” wird bekanntlicherweise immer obsoleter - in Zeiten von Social Media, Youtube und Spotify ist das ein Phänomen, dem man gerade tatsächlich beim Verschwinden zusehen kann.

Abgesehen vom werbefinanzierten Hintergrundgeräusch der meisten UKW-Sender gibt es natürlich auch noch "Spartenradio" - für eine verschwindend geringe Elite allerdings, die aber für hochqualitativen Content wohl eher nicht in die eigene Tasche greifen würde; und so werden diese (wenigen) Qualitäts-Sender in absehbarer Zeit auch einfach nicht mehr finanzierbar sein.

Vielleicht sollte man das Radio ja als universelles Musik- und Unterhaltungsinstrument wiederentdecken, und damit meine ich keine Unterhaltungssender auf UKW. Ich stamme noch aus einer Zeit, in der es ganz normal war, im Wohnzimmer den mächtigen Radioapparat des Großvaters stehen zu haben. Dessen grünes Auge war für mich als Kind immer das Versprechen einer unfassbar spannenden Welt. Dreh an den mächtigen Knöpfen, beobachte das elegante Gleiten der Nadel in gelblichem Licht über magische Namen wie Oslo, Brüssel, Straßburg oder Berlin.

Und hör zu… aus dem wilden Rauschen schälen sich geisterhafte Stimmen in unbekannten Sprachen, Töne, die nicht von dieser Welt sein können. Stunden über Stunden habe ich gebannt vor diesem wundersamen Gerät verbracht, verwundert, ängstlich, aber immer extrem neugierig. Was war das für eine unsichtbare, unheimliche Welt, die alles durchdrang?


So wie mir ging es natürlich auch vielen anderen Menschen, in meiner Generation und in den Generationen zuvor. Zum Beispiel Tod Dockstader (1932 - 2015), ein legendärer amerikanischer Komponist elektroakustischer Musik: In einem ausführlichen Feature in der britischen Musikzeitschrift The Wire erfuhr man von seinen prägenden Kindheitserlebnissen mit dem Thema Radio. Ein Auschnitt:

Growing up in St Paul, Minnesota in the 1930s, Dockstader suffered from an extreme form of eczema that often required whole summers to be spent in hospital, submerged in baths against possible infection, plus long hours passed alone in a darkened room, reading books and listening to the radio. “I lived with that radio,” he recalls, “because that was the medium for the imagination. The radio then wasn’t like we have now. In those days there were all kinds of stories, plays and the use of sound effects, music… that was a real world. That was my window.”

   
[...] As a small child in the 1930s, listening in the dark to broadcasts of speeches and rallies relayed directly from Nazi Germany, this descent into echoing choral antiphony was all too real. “They’d play these things when I was little,” Dockstader explains, “and I remember the terror not so much of the voices themselves, although they were pretty scary too, but the combination of the voices with the roaring that’s on shortwave radio - these outer space sounds going on behind them, non-human, chiming in. 

“I’d lie with my ear stuck right by the radio so I wouldn’t wake up my parents,” he says. “I was always fascinated when it went wrong. Most people would turn their radios off but I’d leave mine on. Somebody would make a mistake, but there was still a presence I could hear. That interested me. I always thought radio was a great mystery.”


[...] “Tuning through an old radio dial put you in touch with the space between stations, a mysterious zone of harmonies and distortions that existed and functioned according to a strange and distinct logic. “A lot of really funny things would happen,” he concurs. “You know, two stations would get off-frequency and their signals would start colliding, so you’d hear something that sounded like a demented carousel or a pipe organ gone badly wrong. The old tube radios were very imprecise. We had a lot of storms in Minnesota, so you’d have atmospherics that would come onto the frequency. Sometimes it was like a cosmic breathing or something.” ¹

  
Die Worte dieses alten, weisen Komponisten drücken so ziemlich all das aus, was ich als Kind ebenso empfunden habe. Und das prägt auch, diese Faszination mit dem “Rauschen” lässt einen nie wieder ganz los. Im Alter von 70 Jahren hat Tod Dockstader übrigens noch ein grosses Werk geschaffen, das als Tribut an seine frühen Radioerlebnisse gesehen werden darf. “Aerial” erstreckt sich in mehreren Teilen über insgesamt drei Releases und gehört zu den Highlights meiner Musiksammlung. Alle Sounds, die du da hörst, wurden von Dockstader selbst von alten Radioapparaten aufgenommen und im Computer so lange prozessiert, bis sie sich zu einer epischen (und überraschenderweise sehr harmonischen und hörbaren) Symphonie verbinden.

In dieser mysteriösen Schattenwelt aus aufgetürmten und schnell wieder zerfließenden Rauschkaskaden verbergen sich noch einige spannende Geheimnisse; über das sog. “Utility Radio” auf Langwelle, die teilweise noch immer funktionsfähigen “Spy Number Stations” und die wundersamen Tonbandstimmenforscher ab Mitte des vorigen Jahrhunderts wird hier auf jeden Fall noch ausführlich berichtet werden.

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¹ Zitiert aus einem Interview von Tod Dockstader mit Ken Hollings 2005 für The Wire. Das ganze Interview kann man hier nachlesen.




 

Mittwoch, 28. November 2018

Schlafmusik von Robert Rich.

Weil euer Bloghost eine Nachteule ist und es sowieso nie so ganz einfach fand, einzuschlafen, hat er den Vorgang des Schlafes über die Jahre einfach zu einem Experimentierfeld umfunktioniert.

Das hat mich zum sehr interessanten (und unerschöpflichen) Bereich des "Weißen Rauschens" geführt, über meine ASMR-White Noise-Forschungen aber ein anderes Mal mehr.

Viele Menschen schlafen ja mit für sie individuell geeigneter Musik leichter als in kompletter Stille (oder Lärm, der dem Schlaf abträglich ist, Verkehrslärm zum Beispiel oder die Schlafgeräusche eines etwaigen Partners).

Der Ambient-Musiker Robert Rich hat sich in der Zeit, als er in Berkely am Institut für Computermusik studierte, von einem Buch von R. Murray Schafer inspirieren lassen und hat Schlaf- und Traumforschung und musikalische Komposition zueinander geführt.

So entstanden spezielle Werke für sogenannte Sleep Concerts: "Around 1981, I got the idea to play concerts for sleeping audiences, as a way to introduce my static music to a more receptive audience. These Sleep Concerts lasted all night long, from 11 PM to 8 AM. The audiences brought pillows and sleeping bags and slept while I stayed up performing my long drones. My first several tapes came out during this period, and they reflected condensed versions of this slow-motion music. Since then, my music has become more active, but I think these elements of Trance and Drone are still central to my music."(1)

Robert Rich in seinem Studio (Foto von echoes.org)

Wenn man sich diese gigantischen Kompositionen anhört, kann man erahnen, was für ein Durchhaltevermögen Rich da gehabt haben muss; die einzelnen Motive seiner Musik entwickeln sich im Lauf von 7 Stunden, und das als Performance für ein großteils schlafendes Publikum.

"Somnium", welches dann im Jahr 2002 endgültig als DVD-Release erschienen ist, beeindruckt aber auch im wachen Zustand sehr. Es wird allerdings empfohlen, sein Gehirn beim Anhören mit etwas anderem zu beschäftigen, damit nicht intellektuelle Ungeduld der ultralangsamen Evolution der epischen Motive im Weg steht.

2014 veröffentlichte Rich übrigens mit "Perpetual - A Somnium Continuum" eine weitere Schlafkomposition, die mit 8 Stunden wohl eines der längsten Werke elektronischer Musik darstellt.



Mittwoch, 14. November 2018

Mit Herzblut komponiert.

Der Duden erklärt die Bedeutung des Wortes "Herzblut" mit "sich ganz für jemanden, etwas einsetzen, aufopfern"; gerade im kreativen Bereich verwenden wir den Begriff gerne für die uns bedeutsamen und besonders wertvollen Projekte. Da fragt sich euer Bloghost natürlich zwangsweise: Hat denn wirklich schon mal jemand tatsächlich sein Blut in ein Projekt eingebracht?

Nikolai Borisovich Obukhov (1892-1954), ein 1918 aus Russland vor den politischen Säuberungen nach Frankreich geflohener Komponist, hat genau das getan: sein Hauptwerk "Kniga Zhizni" ("Das Buch des Lebens") zu erheblichen Teilen mit seinem eigenen Blut geschrieben.

Seine Inspiration hatte Obukhov aus den herrlich exzentrischen Spätwerken Alexander Scriabins bezogen in Frankreich wurde er von Maurice Ravel gefördert, Arthur Honegger zählte zu seinen Bewunderern. Obukhov war ein äußerst kreativer Geist, er erfand ein neues Notationssystem, ersann eine Kompositionsmethode, die Teile von Arnold Schönbergs Zwölftontechnik vorwegnahm, und beschäftigte sich mit der Konzeption elektronischer Instrumente für den Einsatz in seinen Werken.

Eines davon wurde tatsächlich gebaut es war dem Theremin, das der Erfinder und Spion Lew Thermen um diese Zeit herum konstruierte, ähnlich, bloß hatte es die Form eines Kreuzes. Das war deswegen wichtig, weil es natürlich nicht nur ein Instrument mit neuer Klangfarbe sein sollte, sondern auch ein sichtbares Symbol des Mystizismus, mit dem sich Obukhov vermutlich ebenfalls bei Scriabin angesteckt hatte.

1934: Das "Croix Sonore" in Aktion.

Das "Buch des Lebens", wie schon erwähnt, teilweise mit dem eigenen Blut des Komponisten verfasst, hatte übrigens kein glückliches Schicksal: Von seiner Obsession damit rasend gemacht, hatte es seine junge Frau einmal in kleine Stücke zerissen (Obukhov soll es unter Zuhilfenahme diverser Körperflüssigkeiten akribisch wieder zusammengefügt haben); 1949 wurde der als Maurer arbeitende Komponist schließlich Opfer eines brutalen Raubüberfalls, dem nicht nur seine fragile Gesundheit, sondern auch ein großer Teil seines Lebenswerkes zum Opfer fielen.

Obukhov lebte, schwerst gezeichnet, noch fünf Jahre; die verbliebenen Teile des "Kniga Zhizni" befinden sich in der Bibliothèque Nationale in Paris und werden sporadisch aufgeführt. Zwar nicht im Sinne des Komponisten (der eigentlich vorgesehen hatte, dass das "Buch des Lebens" in einer eigens dafür gebauten Kathedrale in einer 24-stündigen Aufführung jeweils jährlich zur Wiederauferstehung Christi "enthüllt" werden sollte), aber immerhin bekommen wir musikhungrigen Klassik-Geeks einen ungefähren Eindruck von der ursprünglichen Vision.

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Donnerstag, 1. November 2018

Musik aus dem Totenreich.

Frage: Gelten klassische Kompositionen auch als "gültige Werke" wenn sie von bereits toten Komponisten ...verfasst wurden? In ihrer Kindheit wurde die Britin Rosemary Brown (1916-2001) vom Geist eines alten Mannes besucht, der ihr mitteilte, sie "würde noch viel von ihm hören". Dieser Geist entpuppte sich später als der verblichene Franz Liszt, welcher der einfachen Hausfrau mit keiner außergewöhnlichen Musikbildung bis in die 1990er-Jahre hinein zu seinen Lebzeiten nicht mehr fertiggestellte Werke diktierte. Das tat übrigens bald nicht nur er alleine, auch Brahms, Bach, Rachmaninow, Schubert, Grieg, Debussy, Chopin, Schumann, Beethoven und später auch John Lennon offenbarten Frau Brown im Laufe ihres Lebens "Geisterkompositionen", die sie gewissenhaft Note für Note niederschrieb.

Als sie sich in den 1970ern bei der BBC einem "Live-Channeling" unterzog, waren die hinzugezogenen Experten begeistert. Später kam man allerdings zu dem Schluss, die gechannelten Kompositionen erinnerten zwar an den Stil der jeweiligen Komponisten, würden jedoch "nicht die Qualität der von diesen zu Lebzeiten komponierten Werke erreichen".(¹) Bis heute ist allerdings unklar, wie Brown mit ihren mangelhaften Kenntnissen in Musiktheorie solche komplexen Kompositionen überhaupt hatte verfassen können.

¹ zitiert von https://de.wikipedia.org/wiki/Rosemary_Brown

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Artikel aus dem "Spiegel" im Juli 1970.